KI in der Medizin ohne Widerspruchsrecht? - Nein, danke!
Mal wieder eine Zahnarztstory...
Ich müsste mal wieder zum Zahnarzt. Mein bisheriger Zahnarzt aber hat seine Praxis vor 2 Jahren verkauft. Der neue Betreiber ist eine Art Zahnarzt-Kette. Mit aktuell 79 "Filialen" in Deutschland. Beim ersten Besuch nach dem Verkauf wurde mir direkt eine Zahnprothese empfohlen. Ich willigte in die Erstellung eines kostenlosen, unverbindlichen Kostenvoranschlages ein. Einerseits aus Neugierde, andererseits um etwas konkretes für eine Zweitmeinung zu haben.
Denn irgendwie fühlte sich das alles merkwürdig an. Wieso sollte sich mein Zahn innerhalb von 6 Monaten, seit dem letzten Kontrolltermin, so verschlechtert haben, das nun eine Prothese notwendig ist? Mein bisheriger Zahnarzt war bei sowas immer proaktiv mit Informationen und meinte sinngemäß während Corona: "Irgendwann wird die Füllung nicht mehr reichen. Da ist eben einfach nicht mehr viel Zahn vorhanden. Dann werden wir über eine Prothese oder Brücke nachdenken müssen. Aber das wird vermutlich erst so in 10-15 Jahren der Fall sein."
Und dann beim ersten Besuch unter neuer Führung, nur 3 Jahre später, muss der Zahn quasi sofort raus? Eine Brücke wird als Möglichkeit ebenfalls nicht erwähnt? Das war nicht gut und rief nur schlechte Erinnerungen in mir hervor. Am Zahn hat sich nichts geändert. Keine neue Bohrung oder Füllung, kein Karies, keine sonstigen Beschwerden, nichts.
Nur dieser Kostenvoranschlag kam leider nie. Das ist in doppelter Hinsicht schlecht. Entweder bestand also kein wirkliches medizinisches Problem. Oder man hat es schlicht und einfach vergessen. Beides absolute NoGos für mich bei einem Arzt. Wenn ich mich bei einem Arzt auf eines verlassen können muss, dann ist es die Arbeitsweise.
Also suchte ich einen neuen Zahnarzt hier in Karlsruhe. Relativ schnell fand ich eine sympathisch wirkende Praxis in der Nähe, die ich anrief.
Es klingelte länger. Dann begrüßte mich der digitale KI-Assistent von Doctolib und teilte mir mit, dass das Gespräch "zu Trainingszwecken" aufgezeichnet wird.
Eine Möglichkeit zum Widerspruch wurde nicht erwähnt.
Ich war verdutzt, etwas erschrocken, legte aber sofort auf. KI an so einer kritischen Stelle? Ohne Möglichkeit des Widerspruchs das meine Daten zu KI-Trainingszwecken verwendet werden? Bei einem Arzt? Nein, danke! (Gefühlsmäßig eher ein: Fickt euch!)
Erst danach realisierte ich, was mich noch so aufregte. Das die Formulierung "zu Trainingszwecken" hier unter Garantie so verwendet wird, um über das, was eigentlich passiert, hinweg zu täuschen. Wir alle kennen diese Formulierung aus den Hotlines diverser Firmen. "Dieses Gespräch kann zu Trainingszwecken oder Qualitätsgründen aufgezeichnet werden. Wünschen Sie dies nicht, drücken Sie die 1." Kennen wir alle. Lieben wir alle. Nur das es sich in diesem Fall um die Ausbildung bzw. Schulung von neuen Mitarbeiter handelt. Oder um stichprobenartig die Qualität zu überprüfen oder eben bei Beschwerden.
Und ja, klar. Natürlich kann ich nicht wissen ob das Drücken der Taste 1 tatsächlich etwas bewirkt, oder nur ein digitales, datenschutzrechtliches Placebo ist. Noch ob die Daten auch wirklich nur dafür verwendet werden.
Wir sind aber zumindest meistens fein damit, weil irgendwie müssen Menschen eben angelernt werden.
In diesem Fall trifft aber absolut rein gar nichts davon zu. Irgendein Anbieter verwendet meine intimen Gesundheitsdaten um "irgendwas" damit zu machen. Mindestens aber um sein Produkt zu verbessern. Ein Produkt für dessen Nutzung er bereits vom einsetzenden Arzt Geld bekommen hat! Wieso muss ich also noch mit meinen Daten zahlen? Und dann auch ausgerechnet noch in der Medizin? Dem kritischsten Bereichen von allen?
Kurz: Ich rief bei einem anderen Zahnarzt an.
Hier begrüßte mich ein sehr freundlicher Mensch.